Engel in der Kunst

Große, geflügelte Wesen mit Heiligenschein, heller Haut in weißen, wallenden Kleidern, Putten oder auch kleine Nackedeis mit rosigen Wangen und den typischen blonden Engelslöckchen – diese Engelsbilder habensich in unseren Köpfen fest verankert. Heutzutage gibt es kaum einen Haushalt ohne Engel: Als kleine Statuen sitzen sie bevorzugt auf den Fensterbänken oder in Vitrinen der Schlaf- und Kinderzimmer, sie baumeln als Schutzengel am Schlüsselanhänger, kleben als Sticker auf Fensterscheiben, Tapeten und Schränken oder bevölkern Keksdosen, Kissen und Bettdecken.

Während die zwei verträumt schauenden Engel des italienischen Renaissancekünstlers Raphael (1483-1520) sich weltweit auf unzähligen Kunstdrucken, Dekoartikeln und Haushaltswaren aller Art befinden, ist vielen ihrer Eigentümer gar nicht bekannt, dass es sich bei dem Motiv lediglich um einen winzigen Ausschnitt eines der berühmtesten Gemälde der Kunstgeschichte handelt: Der eigentliche Hauptakteur, nach dem das Gemälde auch benannt ist, ist die Sixtinische Madonna (Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister).

Raphael, Die Sixtinische Madonna, um 1512.
Öl auf Leinwand, 269,5 x 201 cm. Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden.

Auf dem um 1512 ursprünglich für den Hochaltar der Klosterkirche San Sisto in Piacenza geschaffenen Gemälde befindet sich die Madonna mit dem Kind auf dem Arm vor einem hellblauen Himmel auf einer wattebauschartigen Wolke stehend als großformatige, die Bildmittelachse einnehmende Figur im Zentrumder Darstellung. Mit auf der Wolke, etwas tiefer positioniert, stehen zu ihrer Rechten Papst Sixtus II. und zu ihrer Linken die Heilige Barbara.

Die Dreieckskomposition nimmt nahezu die gesamte Bildfläche ein. Der grüne, auf beiden Seiten zurückgeraffte Vorhang und die am unteren Bildrand aufgestützten Engel lassen das Dargestellte wie ein Bühnenbild erscheinen. Während die beiden kleinen, nackten Putten, die nicht einmal ein Zehntel des Bildes einnehmen, auf dem Gemälde neben den Hauptakteuren nur als Statisten auftauchen, sind sie heutzutage wahre Verkaufsschlager und ein auch von der Werbeindustrie gern als Symbolträger verwendetes Motiv.

Unsere Vorstellung von Engeln wurde zum größten Teil durch die christliche Kunst geprägt. Engel tauchen an vielen Stellen in der Bibel auf und sind ein beliebtes und oft dargestelltes Motiv der bildenden Kunst. Im Laufe der Jahrhunderte haben Künstler sie immer wieder abgebildet und mit verschiedenen Attributen ausgestattet: als himmlische Wächter (Cherubim), Engel der Anbetung (Seraphim) oder Himmelsboten (Erzengel). Die Isolation der Raphael-Engel und deren Entwicklung zu einem eigenständigen Motiv der Alltagskultur zeigt jedoch, dass die große Faszination für Engel offenbar unabhängig vom religiösen Kontext besteht.

Die Ausstellung Angels in Art im The Israel Museum in Jerusalem bietet noch bis zum 21. Dezember 2012 eine gute Gelegenheit, einen Überblick über die religiöse Engelsthematik in der Kunst zu erhalten. In der Ausstellung werden vor allem Gemälde mit christlicher und jüdischer, aber auch mit islamischer Motivik präsentiert. Ausgestellt sind unter anderem Werke der barocken Maler Pieter Lastman (um 1583-1633), Jacob Jordaens (1593-1678) und Pedro Orrente (1580-1645), des französischen Malers, Grafikers und Bibel-Illustrators Gustave Doré (1832-1883) sowie der israelitischen Künstler Ephraim Maurycy Lilien (1874-1925), Arie Aroch (1908-1974) und Uri Radovan (*1978).

Wenn Sie mehr über Engel in der Kunst erfahren möchten, empfehlen wir Ihnen das im Verlag Parkstone-International erschienene E-Book Angels, in dem Sie mit vielenBildbeispielen die historische Entwicklung der Engelsdarstellungen durch alle Epochen hindurch verfolgen können.

-C. Schmidt

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