Und das ist also Kunst? Will Grohmann im Netzwerk der Moderne

Der deutsche Kunsthistoriker Will Grohmann (1887-1968) ist ein großer Name in der Kunstgeschichte: er gilt als einer der einflussreichsten deutschen Kunsthistoriker und -kritiker des 20. Jahrhunderts – und gerade in diesem Jahrhundert gab es viel zu tun. Den Begriff ‚Kunst‘ in Worte zu fassen oder gar eine einheitliche Definition für Kunst zu finden, bereitet nicht nur den Kunsthistorikern seit jeher Kopfzerbrechen. Die um den Begriff ‚Kunst‘ gezogene Grenze wurde im Laufe der Geschichte stetig ausgedehnt und neu gesteckt. Grob zusammengefasst, diente Kunst zunächst als Ausdrucksmittel kultischer, mythischer und religiöser Erzählungen (Antike und Mittelalter). Die niederländischen Genredarstellungen bewiesen dann, dass Kunst nicht nur christliche und historische Sujets darzustellen vermag, sondern zugleich auch als Spiegel der Alltagswelt fungiert – in der Frühen Neuzeit eine schwer zu begreifende Neuerung.

Im Laufe der Geschichte variierte das abgebildete Weltbild, Kunst diente mal als idealisierte Darstellung der Welt (griechisch-römische Antike, Klassizismus), mal als getreues Abbild der Wirklichkeit (Renaissance, Realismus), später als Zerrbild der Natur (Rokoko) und als Ausdrucksmittel der menschlichen Gefühlswelt (Romantik). Während der Kunstbegriff bis dato noch recht greifbar war, änderte sich dies Anfang des 20. Jahrhunderts, als Marcel Duchamp (1887-1968) die Malerei an den Nagel hing, ein Rad auf einem Hocker befestigte, dieses The Bycicle Wheel (1913) nannte und so zum ersten Mal Alltagsgegenstände als Kunst deklarierte. Seine Ready Mades lösten zunächst eine Welle der Empörung aus – Kunst kommt dem Volksmund zu folge schließlich von Können und Ready Mades zur Kunst erklären, das kann doch schließlich jeder oder etwa nicht?

 

Paul Klee, Sonnenuntergang, 1930.
Öl auf Leinwand, 46,1 x 70,5 cm.
Geschenk von Mary and Leigh Block.
The Art Institute of Chicago, Chicago.

 

Die Anfang des 20. Jahrhunderts ins Leben gerufene Bewegung des Dadaismus führte zu einer grundlegenden Kunstdebatte, ihre Anhänger schufen mit Absicht Kunst, die sich nicht verkaufen ließ (z. B. Performanzkunst), Kunst, die keinen Regeln folgt, die nicht ästhetisch war. Kunst konnte nun alles sein, was als Kunst deklariert wurde. Was ist nun aber mit dem Kunstbegriff? Kunst kann nun eigentlich alles sein, alles, was von einem Künstler geschaffen wurde, was der Betrachter als Kunst wahrnimmt und – nun kommt das Wichtigste und oft der einzige Grund, warum der Laie ein Werk als Kunst akzeptiert: Kunst ist, was ein Kunstkundiger als Kunst betrachtet. Kunst ist nicht Kunst, weil irgendjemand das behauptet, sondern weil es jemand sagt, der das dazu notwendige Hintergrundwissen und die dazu erforderliche Macht besitzt. An dieser Stelle kommen die Kunsthistoriker und -kritiker ins Spiel. Grohmann machte sich bis zu seinem Tod für die Klassische Moderne stark.

 

Ernst Ludwig Kirchner, Tiere auf dem Heimweg, 1919.
Öl auf Leinwand, 120 x 167 cm.
Sammlung Eberhard W. Kornfeld, Bern, Davos.

 

Dieser Mann muss einen außergewöhnlichen großen Terminkalender gehabt haben: Als kunstwissenschaftlicher Berater, Kurator und Kritiker war er nicht nur an zahlreichen bedeutenden Ausstellungen, wie z. B. an der Dresdner Sezession (1919), der documenta IIII (1955, 1959 und 1964) und an den Biennalen von Venedig und São Paulo beteiligt, sondern verfasste darüber hinaus zahlreiche einflussreiche Monografien über viele bedeutende Künstler der Moderne, wie Paul Klee, Henry Moore, Wassily Kandinsky und Ernst Ludwig Kirchner, die bis heute als Standardwerke gelten.

Anlässlich seines 125. Geburtstages präsentiert die Ausstellung Im Netzwerk der Moderne. Kirchner, Braque, Kandinsky, Klee … Richter, Bacon, Altenbourg und ihr Kritiker Will Grohmann der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in seiner Heimatstadt noch bis zum 6. Januar 2013 über 200 Werke der von Grohmann geförderten Künstler. Viele Arbeiten sind seit dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) und ihrer Verunglimpfung als „Entartete Kunst“ zum ersten Mal wieder in Dresden zu sehen. Die Präsentation der Kunstwerke wird durch audivisuelle Hintergrundinformationen ergänzt, die der Besucher individuell abrufen kann. Das multimediale, den gesamten Ausstellungsraum integrierende Konzept wurde unter Mitarbeit der Studierende der Technischen Universität Dresden (Fachbereiche Medieninformatik und Kunstgeschichte) und der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (Fachbereich Geoinformatik) erarbeitet.

Weitere visuelle Impulse zu den herausragenden drei ‚K‘s der Klassischen Moderne liefern die im Parkstone-International herausgegebenen, reich bebilderten Bücher Kandinsky, Klee und Kirchner.

http://www.skd.museum/de/sonderausstellungen/im-netzwerk-der-moderne/index.html

 

-C.Schmidt

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