Mein Haus, mein Auto, mein Boot – Der erste Eindruck zählt!

Brauchen wir heutzutage eigentlich noch die Porträtkunst, wo doch eigentlich jeder eine oder sogar mehrere Digitalkameras besitzt? Und wo doch jeder, der seine Kamera mal zu Hause vergessen hat, unterwegs Schnappschüsse mit seiner Handykamera machen kann? Was unterscheidet die Fotografie und die Porträtmalerei? Und wer nutzt diese heute noch?

Das Fotografieren gehört heute zum Alltag. Fotografiert wird alles und jeder: die Geburtstagsfeier mit Freunden, die Geburtstagspost, die Geschenke, der Hund der Gastgeberin, die einzelnen Schritte vom Teig zum fertigen Schokoladenkuchen – alles, einfach alles wird klitzeklein dokumentiert und stolz bei Facebook oder anderen sozialen Netzwerken der Welt präsentiert.

Die persönlichen Informationen, die Anzahl der Freunde und die von Freunden geposteten Nachrichten und Fotos machen es denkbar einfach, sich ein grobes Bild von jemandem zu machen. Ob der erste Eindruck dem Menschen hinter dem Profil wirklich gerecht wird, ist jedoch unwahrscheinlich und immer schwer zu beurteilen. Neben dem oft modeltauglichen Profilbild finden sich neben Urlaubsfotos auch Fotos des Partners, des Hauses, des Autos oder weiterer Prestigeobjekte – nicht anders als bei der Porträtmalerei geht es um die positive Selbstdarstellung.

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Orest Kiprenski, Porträt des Oberst Jevgraf Dawydow, 1809.
Öl auf Leinwand, 162 x 116 cm.
Russisches Museum, St. Petersburg.

Im Laufe der kunsthistorischen Epochen war in der Porträtmalerei die Grenze zwischen Individualisierung und Idealisierung mal mehr und mal weniger fest umrissen. Spätestens seit der italienischen Renaissance (Blütezeit 15. – 16. Jahrhundert) ist ein Porträt jedoch mehr als die reine Wiedergabe des (idealisierten) äußeren Erscheinungsbildes. Anhand der Kleidung und des Schmucks der Porträtierten ließ sich der gesellschaftliche Stand ablesen, und gleichzeitig sollte das Porträt einen Einblick in das Seelenleben und die Persönlichkeit der Porträtierten geben.

Im Gegensatz zur Fotografie ermöglicht das Porträt eine genauere Studie des Motivs, durch Farbgebung und Kontraste können besondere Effekte erzeugt werden, wobei der Übergang zwischen Fotografie und Malerei fließend ist und die gegenseitige Beeinflussung beider Medien einen spannenden Dialog erzeugt. Und in einem Zeitalter der Fotografie wird die Porträtmalerei geradezu zu einem Luxusobjekt, ein gutes Porträt vom Fotografen ist schon für unter 100 Euro zu haben, aber ein gemaltes Porträt? Der spektakulärste Auftrag stammt vermutlich von der britischen Sängerin Rhianna (*1983), die sich anfang letzten Jahres von der britischen Künstlerin Claire Milner ein riesiges Porträt von Marilyn Monroe (1926-1962) aus 65 000 Swarovski-Kristallen anfertigen ließ – Wert dieses Porträts? Knapp 120 000 Euro!

Im Rahmen der Preisverleihung des bereits seit 33 Jahren jährlich vergebenen BP Portrait Award werden in der aktuellen Ausstellung der Scottish National Portrait Gallery noch bis zum 27. Januar 2013 die [nach Angaben der Galerie] besten zeitgenössischen Porträtmaler der Welt präsentiert. Aus den über 2 000 internationalen Einsendungen wurden 55 Werke ausgewählt, unter denen sich neben persönlichen Studien von Familienmitgliedern und Freunden auch berühmte Gesichter befinden. Die Werke repräsentieren jedes Lebensalter, von dem bunt-abstrakten Mädchenporträt About Time von Toby Mulligan bis hin zu der ganz unidealisierten, die Zeichen des Alters zeigenden Aktdarstellung Auntie von Aleah Chapin, die sich mit diesem Werk den mit ₤ 25 000 dotierten Hauptpreis sicherte.

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Aleah Chapin, Auntie, 2012 (Detail).
Oil on canvas.
Bis zum 27.01.2013 in der Scottish National Portrait Gallery ausgestellt.

Der im Verlag Parkstone-International herausgegebene Buchtitel 1000 Porträts, vermittelt anhand der bedeutendsten Werke der Porträtkunst aller Epochen einen guten Einstieg ins Genre, ob realistisch oder abstrakt, romantisch, impressionistisch oder symbolisch, alle Epochen haben ihre ganz eigenen ergreifenden Highlights. Unabhängig davon, welche Möglichkeiten die Fotografie heute bietet, die Porträtmalerei wird wohl nie etwas von ihrer enormen Anziehungskraft verlieren.

C. Schmidt

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