Vincent van Gogh, Le PèreTanguy, 1887. Öl auf Leinwand, 92 x 75 cm. Musée Rodin, Paris.

Faszination eines Berges

Im Jahr 1830 befindet sich ein Mann um die 70 Jahre in der näheren Umgebung eines gewaltigen Vulkans, von dessen Anblick er fasziniert ist. So beginnt dieser Mann, ein Künstler, der seine Bilder selbst mit „der vom Zeichnen Besessene“ unterschreibt, in mehreren Serien diesen Berg – Wahrzeichen und Sinnbild eines ganzen Landes – festzuhalten. Sein Name: Katsushika Hokusai (1760-1849), einer der bekanntesten Ukiyo-e-Künstler Japans. Ukiyo-e kann im Deutschen mit „Bilder der fließenden Welt“ übersetzt werden. Zwischen 1830 und 1832 fertigt Hokusai erstmals eine Serie von Ukiyo-e mit dem Titel Fugaku sanjūrokkei (Die sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji) an. Der höchste Berg Japans gilt aufgrund seines sehr symmetrischen Vulkankegels als einer der schönsten Berge der Welt. Hokusai gibt den Berg zu jeder Tageszeit, zu jeder Jahreszeit, aus verschiedenen Entfernungen und Blickwinkeln wieder – mal nur als großartiges Monument, mal im Hintergrund als Kulisse für ereignisreiche Szenen, mal muss man ihn regelrecht im Bild suchen, oder die Szene spielt sich direkt am Berghang ab.

Katsushika Hokusai, Frischer Wind am hellen Morgen oder Gaifu kaisei (Der rote Fuji), aus der Serie Fugaku sanjūrokkei (Die Sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji), um 1830. Nishiki-e (Farbholzschnitt), 26,1 x 38,2 cm (ōban). British Museum, London.
Katsushika Hokusai, Frischer Wind am hellen Morgen oder Gaifu kaisei (Der rote Fuji), aus der Serie Fugaku sanjūrokkei (Die Sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji), um 1830. Nishiki-e (Farbholzschnitt), 26,1 x 38,2 cm (ōban). British Museum, London.

Weltweit am bekanntesten ist die Druckgrafik Kanagawa oki nami ura (Die große Welle von Kanagawa oder auch Die Woge) aus dem Zyklus Die sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji. Es gehört zu den Meisterwerken der modernen Kunst des 19. Jahrhunderts und ist das berühmteste japanische Kunstwerk schlechthin. In dieser dramatischen Szene veranschaulicht Hokusai genau den Moment, bevor drei Boote samt Mannschaft im hochaufschäumenden Meer von einer gewaltigen Welle verschlungen werden. Im Kontrast zu diesem ereignisreichen und aufgewühlten Vordergrund befindet sich im Hintergrund der nur aus der Ferne zu sehende, Ruhe ausstrahlende Fuji. Der bedrohlich aussehende klauenartige Schaum der Welle korrespondiert mit dem Schnee auf dem Gipfel des Berges. Bei genauerer Beobachtung wird deutlich, dass Hokusai den fraktalen Aspekt der Natur sehr gut erkennt und hier wiedergibt. Somit besteht die gewaltige Welle aus mehreren verkleinerten Kopien ihrer selbst. Die Unmittelbarkeit der Szene schafft ein Gefühl der drohenden Katastrophe, und der Betrachter stellt sich sogleich den nächsten Moment vor, in dem die Welle über den Booten samt Insassen zusammenstürzt. Die Bewegung wird durch die Wirbel der kleineren Wellen verstärkt. Dieses dynamische Bild spiegelt anschaulich die elementare Kraft des Meeres wider und verdeutlicht, warum es die westliche Kunstwelt so sehr in seinen Bann zog.

Katsushika Hokusai, Kanagawa oki nami ura (Die große Welle von Kanagawa), aus der Serie Fugaku sanjūrokkei (Die sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji), um 1830-1832. Nishiki-e (Farbholzschnitt), 25,9 x 38 cm. The Metropolitan Museum of Art, New York.
Katsushika Hokusai, Kanagawa oki nami ura (Die große Welle von Kanagawa), aus der Serie Fugaku sanjūrokkei (Die sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji), um 1830-1832. Nishiki-e (Farbholzschnitt), 25,9 x 38 cm. The Metropolitan Museum of Art, New York.

Anfangs verbreiten sich die Werke Hokusais nur in Japan, doch durch europäische Händler gelangen seine Druckgrafiken auch in den Westen und inspirieren dort in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Künstler wie Vincent van Gogh, James McNeill Whistler, Gustav Klimt und Paul Klee. Darüber hinaus beeinflussen sie die Kunstrichtung des Jugendstils. So kann als ein bekannter Beleg für den Einfluss des Japonismus im Werk westlicher Künstler auf van Goghs Bilder u.a. mit dem Berg Fuji verwiesen werden. Der Postimpressionist, selbst nie nach Asien gereist, ist doch so sehr von den Drucken der japanischen Künstler wie Hokusai beeindruckt, dass er diese in seinem eigenen Werk verewigt.

Vincent van Gogh, Le PèreTanguy, 1887. Öl auf Leinwand, 92 x 75 cm. Musée Rodin, Paris.
Vincent van Gogh, Le PèreTanguy, 1887. Öl auf Leinwand, 92 x 75 cm. Musée Rodin, Paris.

Wenn Sie sich noch intensiver mit Hokusai und seinen Serien über Landschaften, gesellschaftliche Konventionen sowie sagenumwobene Geschichten aus dem Fernen Osten beschäftigen möchten, dann sei Ihnen das im Parkstone International erschienene Buch Hokusai empfohlen.

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