‚La Ribaute', Barjac (Frankreich)

Anselm Kiefers Opus Magnum: Wenn ein Atelier zum Kunstwerk wird

Anselm Kiefer gehört zu den herausragenden deutschen Gegenwartskünstlern. Die internationalen Kunstmetropolen huldigen dem mittlerweile 71-Jährigen nicht erst seit gestern: Auf die Londoner Royal Academy und das Pariser Centre Pompidou folgt nun die Wiener Albertina mit einer Ausstellung zu Kiefers Holzschnitten. Die Geschichte, speziell die deutsche, in die Kiefer 1945 schallend hineingeboren wurde – am Tag seiner Geburt schlug eine Bombe in das Nachbarhaus ein –, war stets sein Leib- und Magenthema. In diesem Geiste schuf Kiefer etwas, das seinerseits historische Ausmaße besitzt: Ein Künstleratelier auf dem 350.000 m² großen Industriegelände einer ehemaligen Seidenfabrik in Südfrankreich, ‚La Ribaute‘ genannt, das zu einem einzigen gigantischen Kunstwerk mutierte. Tretet ein!

‚La Ribaute', Barjac (Frankreich)
‚La Ribaute’, Barjac (Frankreich)

Als Anselm Kiefer ‚La Ribaute‘ 1992 bezog, benötigte er nicht weniger als 70 Lastwagen. Fortan entstand in der Abgeschiedenheit der Cevennen ein Ehrfurcht gebietender Hort der Kunst. Das verwinkelte Gelände ist durchsetzt mit sakral anmutenden Monumentalbauten, zu enormen Schaukästen umfunktionierten Treibhäusern, wackeligen Türmen aus alten Schiffscontainern, unzähligen Pavillons, labyrinthischen Tunnelsystemen und unterirdischen Galerien.

Tim Marlow, der künstlerische Leiter der Londoner Royal Academy, fühlt sich hierbei gar an Relikte einer urtümlichen Kultur erinnert. Die Idee, Architektur der Natur anheimzugeben, fasziniert Anselm Kiefer seit jeher. ‚La Ribaute‘ fingiert auf diese Weise eindrucksvoll Geschichtsträchtigkeit.

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‚La Ribaute‘, Barjac (Frankreich)

Das Areal ist übersät mit Kunstwerken. In einem Treibhaus findet sich ein Flugzeug in Originalgröße und ganz aus Blei, aus dem, hier zeigt sich der van Gogh-Liebhaber, Sonnenblumen hervorsprießen. In einem der groß angelegten Pavillons ist eine Installation aus der Morgenthau-Serie ausgestellt: Ein Weizenfeld – gefertigt aus Binsen, deren Spitzen in Blattgold gehüllt sind –, in dessen Mitte eine sich windende Schlange an die todbringenden Gräuel des Krieges gemahnt. Kiefer hat das ehemalige Industriegelände unverkennbar seinem Universum einverleibt.

Installation, ‚La Ribaute‘, Barjac (Frankreich)
Installation, ‚La Ribaute‘, Barjac (Frankreich)

Mittlerweile arbeitet er meistenteils in seinem neuen Atelier im Pariser Vorort Croissy-Beaubourg, den ehemaligen Lagerhallen eines städtischen Kaufhauses. Gleichzeitig öffnet er ‚La Ribaute‘ allmählich für andere Künstler. So errichtete Wolfang Laib 2014 in den Katakomben des Komplexes einen 40 Meter langen Raum ganz aus Wachs. Weitere dürften seinem Beispiel folgen.

Was Kiefer im französischen Nirgendwo errichtet hat, ist einzigartig. Er hat einem Ort, den die Industrie für unbrauchbar erklärte, neues Leben eingehaucht, ihn zu einer Kreativwerkstatt, mehr noch: zu einem kolossalen Gesamtkunstwerk gemacht. ‚La Ribaute‘ verkörpert alles, was Kunst ausmacht. Es ist unbestreitbar Anselm Kiefers Opus Magnum.

Wolfgang Laib und seine Installation, ‚La Ribaute‘, Barjac (Frankeich)
Wolfgang Laib und seine Installation, ‚La Ribaute‘, Barjac (Frankeich)

Anselm Kiefer hat die Kunst und Architektur des 20. Jahrhunderts entscheidend mitbestimmt. Mehr über seinen Platz in der jüngsten Kunstgeschichte erfahrt ihr hier:

Kunst und Architektur des 20. Jahrhunderts

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